Das große Ganze sehen und dabei trotzdem immer nur bis zum nächsten Schritt denken

von Angelika Biber

Das große Ganze sehen und dabei immer nur bis zum nächsten Schritt denken

© Foto: Markus Jung

Ja, ich verzettele mich manchmal. Mache zu viel, hab immer wieder neue Ideen. Und durch die vielen Möglichkeiten, die ich habe, verliere ich manchmal etwas den Überblick, denn ich wollte immer schon: ALLES.

- Beruf und Familie

- Häuslich sein und Reisen

- Malen und Zeichnen

- Abstrakt und Gegenständlich

- Malen und Schreiben

- Experimentell und geplant

- Bewegung und Ruhe

Aber besonders diese Gegensätze machen mein Lebend spannend. Warum soll ich mich nur mit einer Sache, einem Thema befassen, wenn es so viel Verschiedenes gibt?

Um nicht den roten Faden zu verlieren, plane und strukturiere ich mein Leben, damit ich Ziele verwirkliche und fühle dabei gleichzeitig in mich, ob es so gut ist, wenn ich diese Pläne umsetze. Und wie ich sie umsetze. So habe ich beides, die Freiheit flexibel zu reagieren und behalte dennoch meine Ziele im Auge. Dabei hilft mir immer wieder, die Perspektive zu ändern und mit etwas Abstand auf die Dinge zu schauen, einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Dann kann ich besser das große Ganze sehen und mich nicht in unwesentlichen Details verlieren. Auch bei der Erziehung meiner Kinder hat diese Sichtweise gut geklappt.

Sicher gibt es Spezialisten, die sich in Details knien und deswegen Erfolg haben, allein weil sie die Koryphäe auf diesem Gebiet sind. Bei mir war das immer anders. Mein Leben ist nur reich und spannend, wenn ich viele verschiedene Tätigkeiten ausüben kann, auch in gestalterischer Hinsicht. Sonst wird es mir schnell zu langweilig. Meine Kenntnisse bereichern sich dabei gegenseitig. Gerade diese Vielseitigkeit macht für mich den Reiz aus. Schnell umzuschalten, weil sich etwas anderes ergibt. Aufmerksam sein, wenn sich eine Chance auftut. Querverbindungen herstellen, zwischen all dem, was schon existiert und so Neues denken und tun.

Angelika malt Detail

© Foto: Markus Jung

Auch in deinen Bildern kannst Du so vorgehen. Ich erlebe es häufig, das Malende durch die winzigen Details ins Stocken geraten und das große Ganze, nämlich eine stimmige Komposition oder ein ausdrucksstarkes Bildthema, aus den Augen verlieren. Oder nur durch den Verstand die Klärung des Bildes erzwingen wollen. Oder sie sind durch die Vielzahl der Möglichkeiten überfordert und können sich nicht entscheiden. So kann das nicht gut funktionieren bzw. es macht die Sache sehr mühevoll.

In meinen Augen ist Malen ein Prozess, in den wir uns begeben, der nicht nur auf dem WISSEN um Techniken und Komposition beruhen kann. Sondern bei dem es gut ist, in Kontakt mit der eigenen Intuition zu kommen. Es ist gut, wenn wir beim Malen spüren, wie wir den Pinsel bewegen, wie sich die Farbe anfühlt, die wir verziehen. Welchen Widerstand uns der Malgrund entgegensetzt.

Wenn es an diesem Punkt des Schaffens gelingt, die kleinen Details auf dem Bild auszublenden und die komplette Arbeit zu sehen, wird häufig klarer, wie der nächste Schritt aussehen kann. Und der nächste. Und der nächste. Mehrere Schritte im Voraus zu denken ist nicht sinnvoll, denn bei jedem Schritt passiert etwas in deinem Bild. Im Augenblick wahrzunehmen, wie dieser letzte Schritt dein Bild verändert hat und dann erst auf den Impuls warten, den nächsten Schritt zu tun, hilft ungemein bei der Bildgestaltung. So gehen wir sicher, das Bild nicht in das Korsett unserer Vorstellung zu zwängen, wie es zu sein hat. Uns in einem frühen Stadium des Gestaltens an kleine Details zu klammern, die wir bewahren wollen, hemmt uns. Es lässt uns weniger Spielraum, dass Bild frei zu gestalten und kann blockieren.

Das Große und Ganze zu sehen macht den Blick frei für das Wesentliche, das Besondere im Bild. Es hilft auch dir dabei, dich nicht zu verzetteln, nicht zu perfektionistisch zu sein. Ein Rückschlag oder eine Fehlentscheidung ist dann nicht so schwerwiegend, denn du weißt: „Am Ende wird alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.“(Oskar Wilde)

Und erst ganz am Ende sind es vielleicht doch die vielen kleinen Details, die das große Ganze ausmachen und das Bild verändern.

Viel Freude bei allen Experimenten,

lass Farbe fließen,

Angelika

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